Was bisher geschah…

….uns gelang es am 16.12.2010 durch eine Ankettaktion den Castor-Transport nach Lubmin für mehrere Stunden aufzuhalten.

13 Uhr…Mittagspause für viele, für uns nicht. Wir sind festgekettet in einem Betonblock, der sich irgendwo unterhalb der Gleise zwischen Greifswald und Lubmin befindet. Dank guter Kleidung und der Anspannung ist uns relativ warm. Wir liegen jetzt zu zweit gegenüber inmitten der Schienen auf dem letzten Gleisstück vor Lubmin und sind fest. Am liebsten würden wir vor Freude hüpfen und springen, wenn denn nicht jeweils einer unserer Arme in einem Rohr stecken würde. Doch bald merken wir, wie es von unten immer kälter wird – kein Wunder bei guten 10cm Schnee in denen wir liegen – und wir versuchen uns mitgebrachte Isomatten unter zuschieben. Dies gelingt uns aufgrund der neuen Einhändigkeit und der fehlenden Bewegungsfreiheit jedoch nur mit Hilfe unserer Unterstützungspersonen. Und schon tauchen die ersten Gedanken im Kopf auf – Ob wir das wohl aushalten? Haben wir wirklich genug an? Was wenn wir jetzt doch pinkeln müssen? Wird die Hand in dem Rohr wohl richtig kalt? Danach versuchen wir die zentimeterdicke Eisschicht auf der Schwelle, wo unsere Köpfe dicht hintereinander liegen frei zu kratzen – vergeblich. Die Unterstützer_innen helfen uns mit Händen und Füßen. Doch dann trifft auch schon die Polizei ein und bittet darum, dies zu unterlassen. Nach einer kurzer Erklärung, warum wir das Enteisen für notwendig halten, wird der Tonfall der Beamten ruppiger und eine Diskussion beginnt. Am Ende wird uns dann aber doch erlaubt das Eis zu entfernen. Bevor wir weiteren Kälteschutz bekommen, ist es den Beamten zunächst wichtig, die Personalien aller beteiligten Personen festzustellen. Leider kommen die beiden Angeketteten zunächst nicht an ihre Personalausweise ran. Wir bekommen Verhandlungen zwischen unseren Leuten und der Polizei mit. Es wird per Handschlag beschlossen, dass zwei Betreuer_innen sofern sie die Maßnahmen nicht behindern – bis zur Entfernung aus dem Gleis unsererseits – vor Ort bleiben können, die anderen Unterstützungspersonen sich jedoch vom Gleis entfernen sollen, um dann in die GeSa-Wolgast gebracht zu werden. GeSa heisst Gefangenensammelstelle – wie wir später feststellen ist diese vorläufig in einem Autoteilecenter eingerichtet und es sind provisorisch mehrere Verschläge aufgestellt.
Die zwei Unterstützer_innen, die vor Ort bleiben dürfen, helfen uns dabei die total gefrorenen ersten Kleidungsschichten durch trockene Kleidung zu ersetzen. Gleichzeitig taucht die erste technische Einheit auf, die sich mehr dafür zu interessieren scheint, wie wir wohl befestigt sind und es wird versucht mit einem Finger in die Röhre zu fühlen – wozu auch immer. Dann wird ein Taschenmesser aufgeklappt und Peter denkt sich: „wie gern hätte ich jetzt ne Kamera“ und bittet darum das Messer weg zu packen mit der Ansage, dass bei einer Verletzung eine lebensbedrohende Situation entstehen kann. Die Antwort war dann nur „wenn du dich nicht bewegst, passiert auch nichts“ und der Beamte kratzt weiter am Rohr herum. „Muss jetzt der Pulli dran glauben?“ Dieses Vorgehen bringt keine neuen Erkenntnisse und es werden mehr und mehr Polizist_innen.
Kurz darauf werden plötzlich die Unterstützer_innen gebeten das Gleis zu verlassen. Wir weisen auf die getroffene Vereinbarung hin, aber es nützt nichts – die zwei Unterstützungspersonen werden ziemlich unsanft vom Gleis entfernt. Wie wir später erfahren, mussten sie noch stundenlang in der Kälte ausharren, bevor sie in die GeSa gebracht wurden und sie dort endlich trockene Kleidung erhalten haben. Statt unserer vertrauten Unterstützer_innen kümmern sich nun zwei Rettungungssanitäter_innen der Polizei um unser Wohlergehen. Diese plötzliche Wendung ist ziemlich hart für uns, da für uns in der Lage sehr wichtig ist, uns bekannte und vertraute Personen um uns zu haben, die wir um jegliche Art von Unterstützung bitten können und die für uns den Kontakt zwischen uns und der Polizei darstellen. Von den Rettungssanitäter_innen erhalten wir zusätzliche Decken und Tee, den wir durch eine Art Strohhalm zu uns nehmen konnten. Auch ein Arzt kommt an und klärt uns – während die ersten Schotterarbeiten der Polizei stoppen – über Risiken und Gefahren auf. Danach schottert die Polizei auf beiden Seiten fleißig weiter, um den Betonklotz, in dem wir fest gemacht sind, freizulegen. Komisches Bild wenn mensch Monate vorher die Diskussionen ums Schottern mitbekommen hat und jetzt Polizist_innen schottern. Dann wird auch mit richtigen Werkzeugen gearbeitet und parallel zu den Arbeiten wird ein Pavillion, der an zwei Seiten offen ist, aufgebaut. So sind wir und die schwer beschäftigte Polizei ein bisschen wind- und schneegeschützt. Die ersten Generatoren rattern und irgendwann wird es hell. Der Arm ist zur Zeit übrigens das gefühlt wärmste Körperteil.
Da sich die Polizei immer weiter vorarbeitet und somit uns immer näher kommt, verlangen wir Helme, Ohren- und Augenschutz, der uns auch gebracht wird, aber leider nur mehr oder weniger gut passt, so dass die Rettungssanitäter_innen zusätzlich damit beauftragt werden, auf unsere Köpfe auf zu passen. Wir kommen von dem Vorankommen der Polizei nicht viel mit, da wir entweder mit dem Rücken zu den Arbeiten liegen oder aber ein Schutzschild der Polizei zwischen uns und die arbeitenden Polizist_innen gehalten wird. Wir spüren nur immer wieder merkwürdige Vibrationen einer Maschine an den Armen. Die Polizei hat mit der Entfernung des Betonklotzes ziemlich zu kämpfen, nähert sich aber den Rohren immer mehr. Irgendwann ist dann das erste Rohr erreicht, welches wiederum mit besonderem Werkzeug geöffnet wird. Um an den Arm heranzukommen, werden die Klamotten aufgeschnitten und dann hat die Polizei es geschafft – Peter wird von seiner Ankettung gelöst. Nach stundenlangem Verharren in der gleichen Position merkt er nun, dass alles kribbelt. Peter wird aufgefordert sich aufzurichten, doch weigert sich mit Verweis auf die Aussagen des Arztes und den orthostatischen Schock. Daraufhin wird Peter weggetragen und er bekommt zum ersten Mal die Lok des Castor-Transports zu sehen, die nur ca. 150m vor uns zum Stehen gekommen ist. Das Herunter- und Hochtragen an der Böschung gestaltete sich ein wenig schwierig, aber letztendlich wird Peter direkt bis zum Krankenwagen gebracht und mit dem dann in die GeSa gefahren.
Nun wird sich nur noch auf Sara konzentriert……aber auch diese wird eine Stunde später gelöst und die Schienen sind um ca. 20:30Uhr leider wieder frei. Auch Sara wird in die GeSa gebracht.
Ins Krankenhaus wollten wir dann doch nicht – uns geht es trotz des stundenlangen im Schnee Liegens gut.
In der GeSa muss sich Peter bis auf die Unterhose ausziehen – ein erniedrigendes Gefühl – natürlich nur um zu sehen, dass er keine gefährlichen Gegenstände bei sich hat. Des Weiteren werden unsere Daten aufgenommen. Sogar ganz genau mit Fingerabdrücken und vielen Fotos. Gegen 1 Uhr nachts sind wir die letzten Personen, die die GeSa verlassen – zumindest die letzten Aktivist_innen. Die Polizist_innen werden wohl noch einige Zeit aufräumen und alles wieder abbauen. Auch unsere vereisten Klamotten, Verpflegung und viele andere Sachen wurden von der Polizei mitgenommen und leider nie wieder gesehen bisher.

Foto: C. Grodotzki/ROBIN WOOD

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